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Müde macht doof

 

Wenn der Hund "nicht mitmacht":

Warum Müdigkeit, Trieb und Hormone keine Dummheit sind,

sondern Management und Training erfordern!

 

Im Hundetraining begegnen uns immer wieder Sätze wie "Müde macht doof", "Trieb macht doof" oder "Hormone machen doof". Diese flapsigen Formulierungen treffen einen wahren Kern: Ein Hund, der übermüdet, überreizt, stark triebgesteuert oder hormonell im Ungleichgewicht ist, kann nur schwer lernen und kooperieren. Doch das hat nichts mit fehlender Intelligenz zu tun, sondern mit einem überlasteten System, das schlicht nicht aufnahmefähig ist.


Der "volle Kopf": Wenn Lernen zur Herausforderung wird

Stell Dir vor, Du sollst eine komplexe Aufgabe lösen, während Du gleichzeitig extrem müde bist, vor Aufregung kaum stillsitzen kannst oder Deine Emotionen Achterbahn fahren. Ziemlich schwierig, oder? Genau so geht es unseren Hunden:

  • Müde macht nicht doof, sondern unkonzentriert: Ein übermüdeter Hund gleicht einem übermüdeten Kind. Die Reizschwelle sinkt, die Aufnahmefähigkeit lässt nach, und die Fähigkeit, neue Informationen zu verarbeiten oder auf bekannte Kommandos zu reagieren, ist stark eingeschränkt. An effektives Training ist dann kaum zu denken.
  • Trieb macht nicht doof, sondern fokussiert auf ein anderes Ziel: Wenn Dein Hund im Jagdtrieb eine Katze am Horizont sieht, ist sein Gehirn auf dieses eine Ziel fixiert. Dein "Sitz" oder "Bleib" wird in diesem Moment nicht bewusst ignoriert, sondern schlicht nicht verarbeitet, weil andere Areale im Gehirn die Überhand gewonnen haben. Der Trieb ist in diesem Moment stärker als die erlernte Kooperation.
  • Hormone machen nicht doof, sondern beeinflussen die Grundstimmung: Besonders in Phasen wie Pubertät, Läufigkeit oder Scheinträchtigkeit können Hormone das Verhalten und die Stimmung Ihres Hundes stark beeinflussen. Unsicherheit, erhöhte Reizbarkeit oder Sensibilität können dazu führen, dass Dein Hund auf gewohnte Situationen anders reagiert oder sich im Training plötzlich "unzugänglich" zeigt.

In all diesen Fällen ist der Hund nicht "dumm", sondern er kann schlichtweg nicht auf unsere Signale reagieren, weil sein Kopf mit anderen, übergeordneten Prozessen beschäftigt ist oder ihm schlicht die nötige Kapazität fehlt.

 

Der Schlüssel zum Erfolg: Ruhe, Entspannung und neuronale Stärke

Wenn wir von unserem Hund erwarten, dass er im Training gut mitarbeitet und im Alltag souverän agiert, müssen wir ihm die nötigen Werkzeuge an die Hand geben. Das bedeutet, wir müssen ihm beibringen, auch in schwierigen Situationen seinen Kopf zu benutzen, statt impulsiv zu reagieren. Die Basis dafür sind Ruhe, Entspannung, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz.

  1. Ruhe und Entspannung vermitteln: Ein entspannter Hund ist ein aufnahmefähiger Hund. Baue bewusst Ruhephasen in den Alltag Deines Hundes ein. Übe das Entspannen an einem festen Platz (z.B. auf der Decke) und trainiere das "Runterfahren" nach aufregenden Momenten. Zeige Deinem Hund, dass es sich lohnt, zur Ruhe zu kommen, und belohne ruhiges Verhalten.
  2. Impulskontrolle trainieren: Hier geht es darum, dass der Hund lernt, einen Reiz wahrzunehmen, aber nicht sofort darauf zu reagieren. Das klassische "Bleib" vor dem Futternapf, das Warten an der Tür oder das Aushalten von Reizen (z.B. ein fallendes Spielzeug) sind hervorragende Übungen. Dein Hund lernt, eine kurze "Denkpause" einzulegen, bevor er handelt.
  3. Frustrationstoleranz verbessern: Im Leben läuft nicht immer alles nach Plan. Manchmal gibt es nicht sofort die Belohnung, oder der Ball fliegt nicht genau dorthin, wo der Hund ihn erwartet. Ein Hund mit guter Frustrationstoleranz lernt, mit solchen Situationen umzugehen, ohne in Übersprungshandlungen zu verfallen oder aufzugeben. Spiele, bei denen der Hund kurz warten muss, oder das sukzessive Erhöhen von Anforderungen im Training helfen dabei.

 

Fazit

Hunde sind keine Maschinen, die immer "funktionieren". Sie sind Lebewesen mit Emotionen, Instinkten und physiologischen Zuständen, die ihre Leistungsfähigkeit beeinflussen. Statt einen Hund als "doof" abzustempeln, wenn er nicht kooperiert, sollten wir genauer hinschauen: Ist er müde? Ist ein starker Trieb im Spiel? Oder sind es vielleicht hormonelle Veränderungen, die ihn beeinflussen?

Indem wir unseren Hunden aktiv beibringen, zur Ruhe zu kommen, ihre Impulse zu kontrollieren und mit Frustration umzugehen, rüsten wir sie für ein entspanntes Leben an unserer Seite und legen den Grundstein für ein effektives und freudiges Training. Denn ein Hund, dessen Kopf frei und entspannt ist, ist in der Lage, zu lernen und die Welt um sich herum bewusst wahrzunehmen.